Zurück

Ganz nah am Leben

Interview mit Sophie von Olfers zu Mode und Fotografie der 1990er Jahre

Sophie von Olfers, Kuratorin der Ausstellung „Not in Fashion“, plante mit ihren noch jungen 31 Jahren eine Ausstellung zum Thema Mode und Fotografie der 90er. Diese Zeit ist der Ursprung einer neuen Generation, für die Identitätsfindung, Individualismus und ein selbstdefinierter Stil zentrale Bedeutung hatten. Die Ausstellung war im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt vom 25. September 2010 bis zum 9. Januar 2011 zu sehen.

Wie kamst du gerade auf die 90er?

Zunächst wollten wir eine Ausstellung zum Thema Mode machen. Der Schwerpunkt auf die 90er Jahre entwickelte sich erst mit der Recherche. Ich dachte an eine eher historische Ausstellung, die sich mit etwas beschäftigt, das noch gar nicht so lange her ist, etwas, das einem noch vertraut ist, weil es auch die nächste Generation beeinflusst hat. So kam ich auf die 90er Jahre, die auch eine Umbruchzeit für die Mode und Fotografie waren.

Wie lange braucht man, um so eine Ausstellung vorzubereiten?

Ich habe daran ein Jahr gearbeitet. Eine völlig neue Erfahrung für mich war die Zusammenarbeit mit den Designern. In den Strukturen des Kunstbetriebs kenne ich mich aus und weiß wie man mit den Künstlern Kontakt aufnimmt. Im Modebereich ist das komplett anders. Es ist wahnsinnig schwer Kontakt zu Modefotografen und -designern herzustellen, um überhaupt an sie heranzukommen. Das Meiste lief über die so genannten „Agents“, die viele Designer haben, also die Ansprechpartner – aber sie sind eher so etwas wie Bodyguards. Bevor du das grüne Licht bekommst mit den Designern oder Fotografen zu sprechen, musst du dich erst einmal stundenlang mit denen auseinandersetzen.

Wie kamst du zum MMK?

Ich mache schon seit ein paar Jahren unterschiedliche Ausstellungsprojekte. Vorher habe ich in Rotterdam bei Witte de With, einem Zentrum für zeitgenössische Kunst gearbeitet. Es ist kleiner als das MMK. Da werden Ausstellungen viel schneller vorbereitet – man hat wesentlich weniger Zeit. Man arbeitet mit lebenden Künstlern z.B. meiner Generation, die leichter zu erreichen sind, die ich teilweise eben auch persönlich kenne. Ein Museum ist schon ein anderer – viel größerer – Apparat, der insgesamt langsamer funktioniert, da viel mehr Leute involviert sind, die Abläufe aber natürlich auch die Ausstellungen viel umfangreicher und komplexer sind. Darüber wollte ich mehr lernen, als ich ins MMK gekommen bin.

Nach welchen Kriterien hast du die einzelnen Künstler für die Ausstellung ausgewählt?

Ich habe viel gelesen, habe eine Menge Magazine der Zeit studiert und geschaut, welche Positionen und Namen immer wieder über Jahre hinweg auftauchen. Mich haben die Leute interessiert, die vor allem radikale Arbeit für diese Zeit gemacht haben. Mir war wichtig, dass die Leute sich in einem Moment zwischen Kunst und Kommerz bewegen, d.h. dass die Fotografie und Modefotografie immer bestimmte Themen behandelt, die nicht nur für den „Magazinbetrieb“ relevant sind, sondern darüber hinaus auch in einem Ausstellungskontext existieren können. Das heißt z.B., dass sie ein Anliegen haben, politisch sind, etwa ein neues Schönheitsideal einführen wollen und auch das System „Mode“ mit ihrer Arbeit selbst kritisieren. Das war mir wichtig. Wenn man nur Fotos von Karl Lagerfeld ausstellen würde, würde dieser Aspekt fehlen. Er verfolgt straight seine Mode.

Du hast für diese Ausstellung sehr eng mit den Künstlern zusammengearbeitet. Wie haben sie gearbeitet? Vollendeten sie ihre Arbeit im Museum?

Die Zusammenarbeit war ein Prozess: vom ersten Gespräch über die Ausstellungsidee bis hin zur Eröffnung. Sie haben sehr gründlich überlegt. Die meisten von ihnen hatten die Arbeiten nicht sofort parat. Teilweise mussten sie Negative und Bilder aus dieser Zeit wieder ausgraben und durchsehen. Es wurden auch Bilder neu abgezogen und schließlich haben sich alle eine Präsentation der Arbeiten in unseren Räumen überlegt. Dafür wurden sehr unterschiedliche Lösungen gefunden: von einfach ausgedruckten Fotos auf DIN A 3 Papier, die an die Wand gepinnt wurden über Fotos, die auf Glas aufgezogen sind oder aufgeblasen zu einer riesigen Tapete. Oder z.B. Mark Borthwick, der mit 2000 Bildern angereist ist und in zwei Wochen hier im Museum sein ganzes Leben analysiert hat, um so die Bilder an die Wand zu bringen.

Gibt es Bilder, zu denen du einen persönlichen Bezug hast?

Ja, die Zeit ist mir nah. Und, weil man so schnell vergisst, dass da ein bestimmtes Schönheitsideal geschaffen wurde, mit dem wir heute immer noch konfrontiert sind: das Dünne, das Abgerockte, die Grunge-Ästhetik, das Ungeschminkte fanden die Leute wichtig, auch als Gegensatz zu den perfekten, „unechten“ 80er Jahren. Sie wollten wieder zurück zu Werten, zur Person, zum Charakter Und dann sieht man auf den Bildern aber eben auch, wie hart das damals alles war: Da waren Musik, Party, Mode, viele Drogen und das alles hing zusammen!

Warum hast du ausgerechnet die Fotostrecke Kate Moss von Corinne Day für die Ausstellung ausgewählt?

Man kann nicht so genau sagen, ob die Fotografin Kate Moss oder Kate Moss die Fotografin damit groß gemacht hat. Veröffentlicht im Magazin FACE haben die Bilder so reingeknallt, dass Kate Moss ab diesem Moment ein Supermodel war: diesen Körper, diesen dürren, natürlichen, auch kindlichen Look wollten plötzlich alle haben – eben u.a. auch Calvin Klein. Kate Moss traf den Zeitgeist genau und ist heute das Idol der 90er Jahre. Jürgen Teller hat zu mir gesagt, dass Kate Moss die mächtigste Frau im Mode Business sei. Und auf den Bildern in der Ausstellung sieht man wie es angefangen hat.

Kannst du dich mit einem Bild besonders identifizieren, was mit dir zu tun hat?

Ja, das sind die Originalseiten aus dem ID Magazin von Wolfgang Tillmans – da habe ich mich total gefreut, als er sich entschieden hatte diese auch zu zeigen. Denn auf der einen Seite sieht man zwei Clubs: Dorian Gray und das Omen – und im Omen war ich damals auch. Das Omen war ein Techno Club in Frankfurt und das Dorian Gray war im Flughafen.

Gab es da einen Künstler, der in dieser Szene besonders involviert war?

Alle Künstler haben mit den Szenen, die sie fotografieren direkt zutun. Wolfgang Tillmans war vor allem in der Technoszene in Deutschland und England unterwegs – da kam man nicht an Frankfurt vorbei. Chris Moor aus New York fotografierte in der Lower East Side. Corinne Day hat bei Partys Freunde fotografiert. Alle haben eigentlich ihr ganz nahes Umfeld porträtiert, ihre Interessen. Und das ist sicherlich ein Grund, warum man den Eindruck hat, diese Bilder sind relativ authentisch und dass sie dem Betrachter nichts vormachen wollen. Sie stellen das Leben so dar, wie es für sie war – ganz nah an ihrem alltäglichen Leben.

Was wolltest du mit dieser Ausstellung bewirken?

Ich wollte einerseits zeigen, dass man eine Mode-Ausstellung machen kann, ohne Kleidung auszustellen. Ich wollte vielmehr Mode-Fotografen der damaligen Zeit einladen, ihre Arbeiten heute noch mal im Museum und damit in einem neuen Zusammenhang zu zeigen. Andererseits habe ich aber auch Designer und Künstler, die in den 90ern Mode gemacht haben, und die heute immer noch in diesem Bereich arbeiten, eingeladen, ihre Arbeiten hier im Museum „live“ zu präsentieren. Es wird in den kommenden Wochen verschiedene Events wie Fashion-Shows, Performances oder Vorträge geben. Ich wollte ein Ausstellungsformat entwickeln, bei dem man Mode auch im Museum erleben kann. Ich wollte, dass die Besucher der Ausstellung ein Gefühl für diese Zeit und Mode der 90er Jahre bekommen.

Interview: Michelle Marie McCoy, Lina-Maria Schmiedl, Nicole Warnecke (17) 2010

 

Weiter empfehlen!